Wir müssen aufhören, nichts zu tun

Was ist bloß los mit uns? Wir sind eine Gesellschaft, die immerzu jammert; die immerzu klagt; die immerzu mit Anschuldigungen um sich schmeißt und in der diejenigen gewinnen, die die größten Opfer sind. Und wo der Schuh nicht überall drücken kann. Wir haben zu wenig, der Andere hat mehr. Wir haben ein so hartes Leben, müssen so viel arbeiten und nehmen ständig zu. Die Welt zerbricht, der Staat zu ungerecht. Ach, wann überstehen wir die Krise, wann geht es endlich bergauf?

Eine egozentrische Gesellschaft

Wir sind zunehmend damit beschäftigt uns voneinander zu unterscheiden. Wer hat mehr als der andere, wer sieht anders aus und wer hat es schwerer in unserer Gesellschaft. Wer soll seine Privilegien checken und wer nicht. Ohnehin geht die Welt in Deutschland ständig unter. Zum Beispiel, wenn wir Flüchtlinge aufnehmen; wenn Satiriker Satire machen oder wenn Polizisten Polizeiarbeit machen. Ständig vermitteln wir uns selbst das Gefühl, als ob Deutschland kurz vor einem Kollaps stünde. Als würden wahlweise Islamisten oder Rechtsradikale bald die Macht in Deutschland ergreifen. Als wäre unsere Regierung nicht demokratisch.

All das ist natürlich absoluter Quatsch. Und obwohl die Ursprünge solcher Horrorszenarien aus politisch sehr unterschiedlichen Ecken kommen, so ist die Quelle doch immer die gleiche: Vollständiger Egozentrismus. Es gibt nichts anderes als unser Unglück. Keine Unrecht ist größer als das, das uns widerfährt. Zumindest solange, wie man es nicht schafft über die eigene Landesgrenze hinüberzuschauen.

Trotz allem: Uns geht es sehr gut

Tut man dies nämlich kommt man nicht umher eine Sache zu bemerken: Eigentlich geht es den Meisten von uns ziemlich gut. Wir haben alles, vielleicht zu viel. Kleidung, so viel zu Essen, dass wir Sport treiben müssen, um nicht zuzunehmen, ein warmes Heim. Wir haben so viel und wahrlich genug, um glücklich zu sein. Unser Unglück kann nicht auf materiellem Missstand basieren. Aber in der Unendlichkeit der Dinge, die wir nicht haben, verliert sich diese Gewissheit. Zudem leben wir in einer der demokratischsten, sichersten und freiesten Ländern auf der Erde. Auch die zeitbegrenzten Corona-Maßnahmen ändern daran nichts.

Warum sage ich das in dieser Art? Weil es uns bewusst werden muss. Wir müssen endlich verstehen, wie viele Möglichkeiten, wie viele Privilegien wir alle haben, die im Besitz eines deutschen Passes sind. Wenn wir verstehen, wie viel Glück wir haben und aufhören unser Unglück höher zu hängen als notwendig, erst dann können wir das Unglück anderer ansatzweise verstehen.

Ein wirklich existenzielles Problem

Dieses Unglück ist groß. In Ostafrika und dem Jemen beispielsweise sind momentan viele Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Dem Hungertod! Für uns ein Begriff, der abstrakter nicht sein könnte. Die Hälfte davon sind Kinder. Wir lesen in den Nachrichten über vieles. Debatten über die persönlichen Befindlichtkeiten Einzelner, den tausendsten Shitstorm gegen Dieter Nuhr, Trumps Dämlichkeit und alles übertönt die dringendste Nachricht. Millionen Menschen werden sterben, einen qualvollen, langsamen und unnötigen Tod.

Das Komitee des Friedensnobelpreises hat versucht darauf aufmerksam zu machen, als sie den Preis an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen vergeben haben. Denn während auch wir an den Folgen von COVID-19 knabbern, so hat das Virus andernorts dazu geführt, dass Menschen, die eigentlich auf einem Weg Richtung mehr Wohlstand waren, in existenzielle Armut zurückgeworfen werden. Eine Armut, deren Ausmaß wir nicht ansatzweise verstehen können.

Wir haben Macht

Warum die Welt so ungerecht ist und wer daran Schuld hat, ist zunächst weniger wichtig. Einzig wichtig ist: Wir können unseren Beitrag dazu leisten die Hungerkrise, die durch COVID-19 deutlich verschlimmert wird, abzuschwächen. Wir können helfen, wir sind alle mächtig genug den hohen moralischen Standard, den wir zu gerne auf andere Menschen anwenden, auch selbst zu erfüllen. Nur darum sollte es gehen.

Wir können nicht um die Toten von Kriegen und großen Unglücken trauern, während wir die Lebenden in einem vergleichbar großem Unglück mit Missachtung strafen. Das macht uns und unsere egozentrische Gesellschaft in höchstem Maße unglaubwürdig. Die Hilfe darf nicht länger warten. Möglichkeiten wirklich zu helfen, gibt es genug. Zu nennen wäre die „Aktion Deutschland hilft“ und die Organisation „Hilfe zur Selbsthilfe“ (Help), die im Sudan unter anderem Lebensmittel verteilt und Brunnen baut.

Sicherlich können wir die Krise als Einzelner nicht lösen, auch mit unserer Hilfe wird sie nicht sofort verschwinden. Aber wir können zumindest helfen, einigen Menschen das Überleben zu sichern. Wir werden niemals sehen, an wen unser Geld geht. Aber wir haben die Macht Leben zu retten, ganz konkret. Jedes einzelne Leben birgt ein ganzes Universum, jedes einzelne Leben zählt. Aus diesem Grund ist auch jede noch so kleine Spende oder andere Tat unendlich wertvoll. Das müssen wir uns bewusst machen. Wir können Leben retten. Eine große und wunderschöne Macht, die wir innehaben. Deswegen: Bitte lasst uns davon Gebrauch machen und helfen.

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