Ein kurze Stellungnahme zur Flüchtlingskrise

In der hitzigen Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen, die gefühlsmäßig von Tag zu Tag heißer wird, gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren. Egal von welcher Seite aus, aber eine Argumentationkette baut in der Flüchtlingsdebatte häufig nicht mehr rein auf Logik auf. Vielmehr beobachte ich ein anderes und weitaus klassischeres Argumentationsmuster. Und zwar versucht man einen Diskutanten anderer Meinung nach allen Regeln der Kunst und gegen jede Regel des Anstands zu diskreditieren. Wer mit eines anderen Argument nicht einverstanden ist, versucht denjenigen in moralischer oder weltlicher Sicht soweit herabzustufen, dass man „feststellt“, dieser jemand, er ist zu dumm, zu naiv, fremdgesteuert oder einfach scheisse. Was dann wiederum heißt: Prima! Dann muss ich mich mit dem Argument ja auch nicht auseinander setzen. Denn wer doof ist, dessen Argument kann gar nicht wert sein, gehört zu werden. Es werden immer mehr Wörter ausgetauscht, aber es wird immer weniger diskutiert. Vermehrt wird Gebrauch gemacht von repektlosen Schlagwörtern, die den jeweils anderen in fachlichen oder moralischen Misskredit bringen soll. Beispiele sind unter anderem „Asyltouristenfans“, „Teddybärenwerfer“, „Braunes Pack“ oder „Bahnhofsklatscher“. Auch das Wort „Nazi“ wird viel zu leichtfertig verwendet in Anbetracht der historischen Schwere dieses Vorwurfs. Wir müssen damit aufhören. Vermeintliche Schwächen des Gegenüber dürfen keine Rolle in einer politischen Diskussion spielen, persönliche Anspielungen sollten immer unterlassen werden. In einer Demokratie hat jeder die Chance verdient sein Wort zu sprechen, völlig unabhängig von allen anderen Umständen. Vorausgesetzt einem gewissen Mindestmaß an Sachlichkeit und Menschlichkeit wird Dienst getan.

In dem, was von Diskussionskultur rund um die Flüchtlingsfrage noch übrig ist, erscheint mir ein Schema immer wieder aufzutauchen. Viele derer, die eine humanitäre Katastrophe in Deutschland kurz bevor sehen, suchen die Schuld bei Angela Merkel, die sich für eine Willkommenskultur ausgesprochen hat. Ihr wird vorgeworfen, am Leid der Flüchtlinge schuldig zu sein. Ich hingegen glaube nicht, dass die Willkommenskultur am Leid dieser Menschen die Hauptschuld trägt. Wären die Flüchtlinge nicht hier, dann würde es ihnen mindestens genauso schlecht gehen, nur halt woanders. Der einzige Unterschied ist: Wir sehen sie hier. In einem Flüchtlingscamp in Griechenland oder im Libanon wäre das eben nicht der Fall. Aber besser gehen würde es ihnen nicht. Die humanitäre Lage ist dort teilweise katastrophal. Die Perspektiven in diesen ebenfalls von anderen Krisen gebeutelten Ländern sind minimal. Sie kommen her, weil es die einzige Chance auf Perpektive ist. Die meisten Menschen in Deutschland würden, wenn sie sich mal ganz ehrlich reflektieren, nicht viel anders handeln.

Auch wenn Deutschland Kapazitäten hat, die ohne jeden Zweifel irgendwann ausgereizt sein werden, glaube ich nicht daran, dass diese Kapazitätsgrenzen schon erreicht sind. Vergleicht man die Situation in Deutschland mit der im Libanon als Beispiel, dann tun sich Welten auf. Natürlich will ich damit nicht fordern, Deutschland solle 40 Millionen Flüchtlinge aufnehmen und damit prozentual so viele Menschen, wie der Libanon das tut. Dennoch muss man international die Verhältnisse im Blick behalten. Selbstverständlich aber kann Deutschland mit Schweden, Österreich und, so paradox es klingt, Ungarn nicht der einzige Verbund an Ländern sein, der mehr oder weniger freiwillig Verantwortung übernimmt in Europa. So, wie die europäische Union Italien und Griechenland lange Zeit mit Flüchtlingen aus Afrika im Stich ließ, so lassen uns viele Länder Europas jetzt auch im Stich. Denn auch wenn ich glaube, dass die Kapazitäten Deutschland noch nicht überschritten sind, kann die Flüchtlingsfrage in Europa keine weitgehend deutsche bleiben. Es braucht eine europäische Lösung, und das so schnell wie möglich. Gemeinsam hat Europa die Kraft diese Krise zu überstehen. Solange das aber noch nicht der Fall ist, ist die Unterstützung und Zusammenarbeit aller Menschen in Deutschland absolut notwendig. Denn meine ganz persönliche Meinung ist: Wer das Recht auf Asyl hat, der soll es auch bekommen. Das sage ich nicht aus einem rein rechtlichen Aspekt, sondern basierend auf meiner Moral.

Von meiner Moral ausgehend will ich jetzt noch etwas anderes sagen. Ich bin tief erschüttert über das Ausmaß fehlender Menschlichkeit, welches mir jeden Tag begegnet. Nicht nur von einer Person wurde formuliert, dass es ohnehin zu viele Menschen auf dieser Erde gäbe. Die Konsequenz daraus kann sich jeder selbst erschließen. Wir debattieren sehr häufig von einem ganz hohen Ross herunter. Statt in Demut übt man sich in Arroganz. Niemand hat es sich erarbeitet und verdient als ein deutscher Staatsbürger geboren zu sein. Unser privilegierter und durch Freiheit bestimmter Status basiert einzig und allein auf dem Glück genau hier, an diesem Ort, das Licht der Welt erblickt zu haben. Die Leistungen unserer Vorfahren beim Aufbau des Landes waren ohne Zweifel großartig. Aber es sind nicht unsere Leistungen, auf sie können wir uns nicht berufen. Jetzt können wir uns beweisen und uns der Herausforderung unserer Zeit stellen.
Abendländische, christliche Werte, sie machen unser Land aus. In Zeiten wie diesen wird einem das lebhaft vor Augen geführt. Darauf dürfen wir stolz sein. Darauf müssen wir aufbauen. Aber ich halte es für unabdingbar, dass wir uns bewusst machen, wofür diese Werte stehen. Sie stehen für Menschlichkeit, für Liebe und für die Unterstützung der Schwachen. Nicht für Vorurteil und Eigennutz. Denn obgleich viele so tun, als würden sie die abendländischen Maxime verteidigen, sind sie es häufig selbst, die die größte Gefahr für den meschenfreundlichen Ansatz darstellen. Ich meine damit nicht mal Gewalt, die selbstverständlich allem entgegensteht, wofür wir stehen sollten. Ich meine die Abkehr von der Menschlichkeit. Wem etwas an den abendländischen Werten liegt, wer sie wahrlich nicht verlieren will, der muss sie leben, weil sonst nur Worthülsen übrig bleiben.

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