Wie ein Regentropfen sich fühlt

Ein Bewusstsein entwickelt ein Regentropfen erst, wenn er anfängt zu fallen. Reichlich wenig Zeit, um sich über die grundlegenden Dinge des Lebens klar zu werden. Trotzdem stellen sich die meisten Regentropfen fast unausweichlich immer wieder die gleichen großen Fragen. Wer bin ich? Was ist der Sinn meiner Existenz? Wohin geht meine Reise?

Objektiv würde ein Unbeteiligter wohl antworten, „Nach unten.“. So aber denkt kein Regentropfen. Frühe Generationen hatten daran geglaubt, dass nicht sie, sondern sich die Erde auf sie zubewegt. Mittlerweile ist dies als grober Unfug abgetan. Dennoch würde ein Regentropfen seinen freien Fall nicht als einen solchen definieren. Für einen Regentropfen geht’s voran!

Sie sind sich bewusst, dass sie nass sind und dass die Erde dort trocken ist, wo es kein Wasser gibt. Deshalb artet jeder Regenfall zu einer Art Wettbewerb aus. Schließlich ist eines Regentropfens größter Wunsch einen trockenen Flecken Erde nass zu machen. Danach streben fast alle. Der Zustand des Nass-Seins ist, und darüber gibt es keinen Zweifel, der Idealzustand. Ein achtbarer Dienst ist dort erwiesen, wo aus trocken nass gemacht wurde.

Die Kultur der Regentropfen vereint viele Zweige der Wissenschaft. Das Gros dieser beschäftigt sich mit der Frage, wie man am ehesten sicherstellen kann, wirklich auf einen trockenen Flecken Erde zu fallen auf den vorher auch noch kein anderer Regentropfen gefallen ist. Es geht dabei um die richtige Geschwindigkeit, um Zufälle und Variablen und um Winkel und deren Änderungen. Da aber jedem Tropfen nur wenig Zeit bleibt, lebt die Wissenschaft von guter Kommunikation. Ein jeder setzt den Gedanken des anderen fort. Jedoch, wenn wundert’s, werden häufig unlautere Mittel verwendet in diesem Wettbewerb. Manch großer Regentropfen versucht die Masse an Wasser eines kleinen Tropfens für sich zu vereinnahmen, sodass er schneller fällt und letztendlich eine größere Auswahlmöglichkeit hat. Freilich bedeutet das den Tod des kleinen Regentropfens.

Interessant bei dieser Betrachtung ist, dass das Bewusstsein über das Nass-Sein den Lebenswunsch bestimmt. Bei diesem derart einfachen kausalen Zusammenhang, bleibt eine hinreichende Beantwortung der großen Fragen zu oft aus. Nun könnte man meinen, die Regentropfen seien eher von der wenig klugen Sorte. Doch das wäre nicht gerecht. Dumm sind Regentropfen nicht, sie haben nur leider viel zu wenig Zeit. Und so kann man ihnen eigentlich keinen Vorwurf machen.

Es gibt auch einige unter ihnen, und das muss man unbedingt noch dazu sagen, die sich weniger Gedanken in diese Richtung machen. Sie stellen sich höchstens die Frage, warum sie sich diese Fragen überhaupt stellen und was man davon hat Trockenheit zu verwandeln. Die Meisten verziehen über solche Fragen nur die Schnute. Es gehe nun mal darum ein Ziel zu erreichen, sonst hätte ihre Existenz doch gar keinen Sinn.

„Ach,“ denkt sich der geächtete Regentropfen, „wo ich am Ende lande, liegt ohnehin nicht in meiner Hand.“

Und so ist es erstaunlich, dass in der Welt der Regentropfen scheinbare Naivität häufig ein Zeichen unkonventioneller Weisheit ist. Allzu häufig nämlich, liegt die allgegenwärtig Antwort auf die großen Fragen in der Frage selbst schon versteckt. Und so reicht ein einziges Leben, um das Notwendigste zu verstehen.

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