Rettet den neutralen Journalismus – Er wird gebraucht wie nie zuvor

Die New York Times steht seit jeher für das Idealbild des Journalismus. Weltweit strahlt die Zeitschrift einen Glanz aus, der schon lange das Bild von gutem Journalismus prägt. Geschafft hat dies die NYT, weil sie seit Anbeginn für Neutralität und Meinungspluralität stand. Eine Zeitschrift also, die nicht ausschließlich Leser aus einer bestimmten politischen Richtung ansprach, sondern meinungsübergreifend auf Resonanz traf. Damit ermöglichte sie den demokratischen Austausch unterschiedlicher Meinungen, das Lebenselixier einer jeden Demokratie. Alle Leser waren nämlich zwangsläufig auch mal gezwungen sich mit Positionen zu beschäftigen, die sich von den eigenen unterschieden.

Die NYT stand damit im krassen Gegensatz zu Zeitschriften, deren Position unveränderbar feststeht. Weil solche Zeitschriften und Magazine ohnehin nur von jenen abonniert und gelesen werden, die so in etwa gleicher Meinung sind, dienen diese nur dazu eine bestimmte politische Weltanschauung zu verbreiten. Im Prozess des echten politischen Austauschs sind sie jedoch weniger hilfreich und beliebig austauschbar.

Neutralität und Objektivität veraltet?

Nun wurde in der Meinungsabteilung der NYT ein Beitrag Tom Cottons, einem republikanischen Senator, veröffentlich, in dem dieser den Einsatz des Militärs gegen die Demonstranten von #BlackLivesMatter gefordert hatte. Ein extrem unpopulärer Standpunkt, der zurecht große Kritik erntete. Der Meinungschef der NYT James Bennet rechtfertigte sich unter anderem damit, besagten Beitrag vor der Veröffentlichung nicht gelesen zu haben. Sicherlich ein in jeder Hinsicht unglücklicher Vorgang. Letztendlich aber führte all das dazu, dass Bennet seinen Platz räumen musste.

Der Abgang vom Meinungschef wurde in Deutschland gespalten aufgenommen. Während kritische Stimmen auf den Wert von Meinungspluralität verwiesen, haben viele große deutsche Zeitschriften positiv reagiert. Im Spiegel, der einst einmal auf den Spuren der NYT wandelte und sich durch ein Bemühen um Neutralität und Pluralität einer ähnlichen Anerkennung erfreute, hieß es unlängst die Zeit der Neutralität sei „vorbei“. In seinem Debattenbeitrag führte Philipp Oehmke weiter aus, dass Bennet auch gehen musste, weil er „einem überholten Ideal von neutralem Journalismus nachhing“.

Meinungsbildung ist das krasseste Gegenteil von Meinungsmache

Eine Aussage, die aufhorchen und Alarmglocken läuten lässt. Denn sie ist der offene Aufruf zur Verabschiedung von Kriterien, die schon immer für Qualität im Journalismus gestanden haben und die den herausragenden Wert des Journalismus für die Demokratie unterstrichen haben. Meinungen hat schließlich (fast) jeder Bürger. Die Aufgabe eines guten Journalisten war und ist es jedoch, nebst seiner Aufgabe als Kontrollinstanz, sich eine qualitativ gute und abwägende Meinung zu bilden. Das geht nur, wenn man versucht verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Auf diese Weise haben gute Journalisten stets zur qualitativen Meinungsbildung beigetragen ohne aber nur das eigene Weltbild vermitteln zu wollen. In diesem Sinne war Meinungsbildung sogar das krasse Gegenteil zur Meinungsmache.

Man muss dazu sagen, dass es sich bei dem Artikel um einen Debattenbeitrag handelt und deshalb im ursprünglichsten Sinne sogar das ist, was eine plurale Demokratie braucht. Streitbare Positionen, die man aufnehmen oder widerlegen kann. Nicht so schlimm. Es geht aber nicht um diesen einen Artikel, denn er ist nur ein Beispiel von vielen. Viele Journalisten sind mittlerweile Anhänger vom sog. „werteorientierten“ Journalismus. Ein Beispiel ist der leitende WDR-Redakteur Georg Restle, der seines Zeichens kaum aufhören kann Plädoyers dafür zu verfassen. In den Öffentlich-Rechtlichen ist die Dichte derer, die glauben die eigene Meinung sei besonders wertvoll und müsse gehört werden, zunehmend hoch.

Wenn die Bastionen der Neutralität fallen, verliert sich das Vertrauen in die Medien

Es ist natürlich völlig in Ordnung, wenn verschiedene Zeitschriften verschiedene Schwerpunkte setzen. Das gab es immer schon so und untereinander hat man sich in demokratiefördernder Absicht gezofft. Problematisch wird es aber, wenn die früheren Bastionen der Neutralität, von denen man immer wusste man liest eine einigermaße neutrale und damit vertrauenswürdige Information, auf einmal aufhören neutral zu sein. Der Spiegel hatte zwar immer schon einen politischen Schwerpunkt, rühmte sich trotzdem immer damit auch andere Positionen zu Wort kommen zu lassen. Auch deshalb hatte er lange eine herausragende Bedeutung für unser Land.

Wenn man außerdem sieht, dass es in den Programmen und Formaten, die öffentlich finanziert werden, immer mehr Beiträge gibt, die ersichtlich von der privaten Meinung getrieben wird, dann wird einem dabei mulmig. Denn Journalisten werden dafür bezahlt so neutral wie möglich zu berichten. Es ist ihre klar erteilte Aufagbe und ihre ganze Existenzberechtigung. Es mag hart klingen, aber man muss es einmal so klar sagen. Die privaten Meinungen von Restle, Reschke und Co. sind absolut nicht von öffentlichem Interesse. Ihre Aufgabe ist es einzig Informationen zu sammeln und in faktisch richtiger und vollständiger Weise aufzubereiten.

Wenn man nämlich nicht mehr einordnen kann, ob es sich tatsächlich um korrekte und völlständige Einordnung eines Sachverhalts handelt oder ob nicht vielleicht doch der ein oder andere Teil weggelassen wurde, um eine bestimmte Richtung zu pushen, dann ist exakt das der Moment, in dem das Vertrauen in diese eigentlich so wertvolle Instanz verloren geht. Aus diesem Grund ist es so enorm schädlich meinungsgetrieben und nicht sachlich zu berichten. Jedoch wird erklärt, dass es ohnehin nicht möglich sei komplett neutral zu sein. Das sei schließlich gleichbedeutend damit meinungslos zu sein. Gänzlicher Unsinn. Wenn man sich darum bemüht neutral und anderen Postionen gegenüber offen zu sein, erst dann gewinnt die eigene Meinung an Qualität.

Nur Austausch führt zu Qualität

Denn: Neutralität führt zu Objektivität. Wenn man hingegen gar nicht versucht neutral zu sein und das bei zwei vertretbaren Positionen, dann gibt es keinen qualitativen Austausch. Bleibt dieser aus, dann bleibt die Qualität der Position auf der Strecke. Nur im Austausch mit einem Gegenstück kann sich eine Meinung weiterentwickeln. Abgesehen von dem Rahmen, der Menschenfeindlichkeit und Antidemokratie ausschließt, bleibt es dabei, dass nichts auf der Welt absolut ist. Die eigene und professionelle Position sollte es ebenfalls nicht sein.

Es gibt keine Herangehensweise und keine Meinung, die auf jede Situation und in jeder Debatte immer gleich anwendbar ist. Das funktioniert nur in einem sehr einseitigem Weltbild. Eine Erkenntnis über die eigene Fehlbarkeit und die damit einhergehende Möglichkeit in bestimmten Sachlagen auch falsch liegen zu können, also nicht aus eine grundsätzlich ablehnenden Haltung anderer Positionen gegenüber zu argumentieren, wird zu einer dramatischen Verbesserung der eigenen Meinung führen. Denn viele politischen Diskussionen sind nicht einfach und banal zu beantworten. Da braucht es Austausch, weil nur aus dem Kompromiss heraus die qualitativ beste Entscheidung getroffen werden kann.

Warum Neutralität und Pluralität wertvoll sind

Aus diesem Grund ist es nicht vorteilhaft, wenn mächtige/prominente Journalisten wie Restle einen ergebnisoffenen Diskurs von vornherein durch bereits eng gesetzte Scheuklappen unterbinden. Dass er das aber tut zeigt sich unter anderem darin, wie er Neutralität als demokratieschwach darstellt. Das ist Neutralität keineswegs. Sie ist vielmehr der ursprüngliche Gedanke der Demokratie. Denn sie schafft einen echten Austausch. Gibt es den nicht, dann bleibt am Ende nichts über als ein politischer Meinungskampf, in dem nicht einmal versucht wird die andere Position zu verstehen. Auch wenn sie vielleicht genauso eine Berechtigung hat zu existieren und in Wahrheit vielleicht sogar eine gute Ergänzung wäre.

Es ist folglich Gift für den Diskurs und die Demokratie, wenn davon abgeschworen wird anderen Meinungen gegenüber nicht mehr offen sein zu wollen. Neutralität bedeutet alle vertretbaren Aspekte, auch wenn die der eigenen Meinung widersprechen, zu beachten und abzuwägen. Eine Abkehr davon ist eine Abkehr vom demokratischen Austausch. Womit ein unendlich wertvoller Pfeiler unserer Demokratie wegbrechen würde.

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