Was falsch läuft in der Corona-Politik – Teil 1: Maßnahmen mit dem Fleischerbeil

Die Diskussion rund um das Corona-Virus ist zerfahren und polarisiert. So wie viele Debatten dieser Tage. Man kann das Gefühl bekommen, dass es zwischen bedingungsloser Verteidigung des Kurses der Bundesregierung auf der einen Seite und der auf Verschwörungstheorien basierenden Kritik der selbsternannten „Querdenker“ auf der anderen Seite kaum Raum gibt. Denn wie man sich auch äußert, der Vorwurf wahlweise Anhänger der „Merkeldiktatur“ (sic!) zu sein oder aber den „Falschen in ihrer Argumentation zuzuarbeiten“ ist nur ein falsches Wort entfernt. Normalisierende Kritik, die sich frei macht von der Angst vor allzu harschen Unterstellungen ist umso wichtiger. Deshalb will ich damit anfangen. Anlass zu Kritik gibt es.

Grobschlächtige Maßnahmen

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Den grobschlächtigen Maßnahmen. Den Sommer über, als die Fallzahlen auf trotz angewandter Sardinentechnik an den deutschen Stränden erfreulich niedrig waren, hatte sich das Leben so halbwegs wieder normalisiert. Die Gastronomiebetriebe hatten geöffnet, Dienstleister im Freizeitbereich und viele andere hatten ihre Geschäftstätigkeit, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, wieder aufgenommen. Auch Dank ausgiebiger Hygienekonzepte in allen Bereichen des Lebens.

Nichtsdestotrotz passierte, was viele Wissenschaftler schon früh vorhergesagt haben: Die Infektionszahlen stiegen im Herbst wieder an, die zweite Welle brach und bricht über Europa hinein. Weshalb sich die Politik dazu entschied einen Lockdown-light zu beschließen. Das Problem: Die getroffenen Maßnahmen sind grobschlächtig und wenig wirkmächtig. Sie machen also vieles kaputt, aber ob sie das Infektionsgeschehen tatsächlich merklich verlangsamen, daran mehren sich Zweifel.

Es trifft die Falschen

Zweifel, die durchaus berechtigt scheinen. Schließlich treffen die Maßnahmen die Gastronomie, den Kultur- und Freizeitbereich und viele Selbstständige. Jene, die viel Aufwand betrieben haben für größtmögliche Hygiene zu sorgen. Ausgefüllte Personenlisten zur Nachverfolgung, Luftreiniger, weniger Gäste als normal, Überwachung der Maskenpflicht, Desinfektionsmittel. All das und vieles mehr wurde umgesetzt. Was nachweislich dazu führte, dass das Infektionsgeschehen in diesen Bereichen stark beschränkt wurde. Die sinnvollen Maßgaben der Regierung wurden penibel umgesetzt und waren ein voller Erfolg.

Dafür wurde Geld in die Hand genommen. Geld, das man selbst bei vollem Betrieb sonst nicht hätte ausgeben können oder wollen. Aber jeder weiß; wir alle müssen Opfer bringen, wir alle müssen über das Normale hinaus leisten, um das Virus in seiner Ausbreitung zu stoppen. Jeder hat individuelle Verantwortung. Überall war man sich dieser Verantwortung bewusst. Ob nun im Restaurant oder im Kino. Der zweite Lockdown trifft nun genau diejenigen, die sich über alle Maßen bemüht haben. Und die damit auch erfolgreich waren. Im großem Infektionsgeschehen haben jene dank großer Disziplin, großem Arbeitsaufwand und großen Investitionen nur noch eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Und doch sind sie es, die es trifft.

Infektionsherde werden nicht beseitigt

Ein Grundproblem, so habe ich unter anderem von Christian Drosten gelernt, ist, wenn viele Menschen über längere Zeit auf beengtem und schlecht gelüfteten Raum zusammenkommen. Und dieses Problem besteht weiterhin. Zwei Beispiele. Zunächst ein persönliches: Heute musste ich seit langer Zeit wieder tun, was ich in letzter Zeit immer vermieden habe, wenn ich es vermeiden konnte. Ich fuhr mit der Hamburger S-Bahn. Allein auf einer Fahrt hin und einer Fahrt zurück war ich, ohne Möglichkeit des Ausweichens, mehrfach in der Situation sehr eng neben vielen anderen Menschen sitzen und gehen zu müssen. Im Hamburger Berufsverkehr ist es Alltag, dass durch Verspätungen oder Ausfälle (heute war es eine Gleisstörung), viel zu viele Menschen in einer S-Bahn sind. Kaum ein Unterschied zu der Zeit vor Corona.

Wenn man das Infektionsgeschehen tatsächlich durch eine Verringerung der Kontakte angehen will, muss man außerdem zwangsläufig über den Schulbetrieb reden. Präsenzunterricht mit vollen Klassen und ohne Luftreiniger ist, und darum kommt man nicht herum, ein großes Risiko und Problem. Zwar entwickelt sich bei jüngeren Menschen sehr selten eine Symptomatik, ansteckend können Menschen, die den Virus in sich tragen, trotzdem sein. Das Prinzip die Fenster einfach zu öffnen ist hierbei nicht viel mehr als eine Verlegenheitslösung. Zwar ist die Zögerlichkeit der Beendigung von Präsenzunterricht verständlich, zieht eine solche Entscheidung viele negative Aspekte mit sich. Aber im Sinne der Virusbekämpfung handelt es sich bei Präsenzunterricht mit vollen Klassen um genau das von Virologen beschriebene negative Szenario.

Es muss nachvollziehbar bleiben

Ich halte es für schwer vermittelbar, wenn man einerseits diejenigen vor die Scherben ihrer Existenz stellt, welche vergleichsweise wenig zum Infektionsgeschehen beigetragen haben, gleichzeitig aber die Menschen in täglich übervolle Öffis steckt und nicht am Präsenzunterricht mit vollen Klassen rüttelt. Klar, es gibt finanzielle Hilfen. Aber es gibt nicht nur Kulturbetrieb und Gastronomie. Für viele Selbstständige, die aus dem Raster der Hilfen fallen, gibt es so etwas nicht. Beispielsweise, weil die Einnahmen über mehrere Jahre sehr unterschiedlich verteilt sein können. Die ersten Restaurants bei mit um die Ecke haben mittlerweile dauerhaft geschlossen, der zweite Lockdown hat ihnen trotz versprochener Hilfen das Genick gebrochen.

Maßnahmen sind richtig und wichtig. Man muss versuchen die Ausbreitung des Virus so gut es geht zu kontrollieren. Aber aktionistische und wenig sinnvolle Maßnahmen sind alles andere als verständlich oder fair.

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