Wie Schulz die AfD schwächt

Schulz hat in kurzer Zeit viel verändert, eigentlich alles. Es war abzusehen, dass der Führungstausch mit Gabriel sich positiv auswirken würde. Aber dass er auf Anhieb die ganze Parteienlandschaft auf den Kopf stellt, das hab ich nicht kommen sehen. Die Wähler geben ihm den „Vertrauensvorschuss“, den er selbst gefordert hat. Und das, obwohl er bislang nicht viel machen oder sagen konnte. Letztendlich zeigt das aber wieder, wie Politik funktioniert. Schulz hat es verstanden. Denn die wenigen Sachen, die man von ihm vernommen hat, haben große Wirkung erzielt. Er hat verstanden, was eigentlich mittlerweile jedem Blinden wie ein grelles Licht erscheinen müsste: In der Politik sind Gefühle enorm wichtig und der wissenschaftlichen Erkenntniss mindestens gleichgestellt. Deshalb verfolgt er einen klaren Plan, Emotionen nutzen.

Er wiederholt immer wieder, dass er den „kleinen Mann“ in den Mittelpunkt rücken will. Die „Abgehängten der Gesellschaft“ seien das Ziel seiner Politik. Damit erfüllt er, was sich viele von der SPD erwarten. Immerhin sind das die Ursprünge der SPD, die Partei für die „hart arbeitende Mittelschicht“. Es mag populistisch sein, weil diese Begriffe schwer zu definieren sind und sich vermutlich unterschiedlichste Menschen darunter vereint sehen. Aber er setzt damit das richtige Zeiten. Denn er spricht unglaublich viele Menschen an. Unter anderem wohl auch ein paar Protestwähler. Jene Protestwähler, die, vielleicht um auch mal ein Zeichen zu setzen, ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben oder machen wollten. Diese hat nämlich verstanden, dass es viele Menschen gibt, die sich vernachlässigt sehen. Mit Schulz’ Art des lässigen Tons und der klaren Sprache erreicht er, so glaube ich, viele Menschen, die sich, wohl auch nicht ohne Grund, weitgehend ignoriert gefühlt haben. Er macht die SPD für diese Leute wieder zur Alternative für die Alternative. Besonders auch, weil mittlerweile vielen klar geworden ist, dass die AfD eine fast unfassbar unsoziale Politik betreiben will. Anders als eine SPD, die auch programmatisch vermutlich eben das vorhat, was Schulz sagt.

Wohl auch deshalb ist er plötzlich die Lichtgestalt der deutschen Politik, von einem Moment auf den anderen. Es bleibt jetzt aber abzuwarten, wie sehr ein idealisierter Schulz Schaden nimmt an den neuesten Erkenntnissen über die Schaffung von Posten in Brüssel. Allgemein: Weil er vieles richtig macht, wird umso mehr versucht werden, ihn persönlich zu schwächen. Eine Prognose darüber wage ich nicht zu treffen, denn die politische Wirklichkeit ist einfach nicht prognostizierbar. So ist das halt in der Gesellschaft und der Politik. Sich mit inhaltlichen Positionen auseinandersetzen, ist nur der allerletzte Weg. Einfacher ist es Menschen mit anderer Meinung auf persönlicher Ebene zu diskreditieren. Auch wenn dazu natürlich gesagt sei, dass diese Art von Postenschacherei absolut abzulehnen ist. Ich würde es aber als scheinheilig erachten, ihn deswegen exklusiv zu verurteilen. Denn so funktioniert Politik, leider. Und letztendlich ist es nun einmal so. Es gibt keine reinen Lichtgestalten, kein Mensch ist nur gut und ehrbar. Einzelne Menschen zu stark zu idealisieren hat sich meiner Erfahrung nach immer als Fehler erwiesen. Was aber nicht schlecht ist, denn dann kann es irgendwann wieder dazu kommen, wirklich inhaltliche und realitätsnahe Debatten zu führen. Wenn es dadurch gelingt, Emotionen zurück an Fakten heranzuführen, so wäre viel gewonnen.

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Ein Ignorant mit dem Herz aus Gold

Letzten Sommer war ich auf dem Appalachian Trail in den USA unterwegs. Dort habe ich viele Menschen getroffen, viele Gespräche geführt. Hier möchte ich über Jayden* berichten, einen Mann aus den Südstaaten, der keine Bildung hatte, aber mir eine wertvolle Lektion erteilt hat.

„Amerika ist das gottauserwählte Land“, stieß er voller Überzeugung aus. Da mochte ich Zweifel äußern, es war egal. Denn tiefe Überzeugung vermag nichts zu brechen. Jayden, aufgewachsen ohne richtige Eltern, war bereits mit sieben Jahren auf sich gestellt, mit 11 musste er Autos verkaufen, um über die Runden kommen zu können. Doch sein Glaube an Amerika ist genauso ungebrochen sein Glaube an Gott und Jesus, dem Erlöser. Er sei ihm erschienen, sagte er mir.

So wie Jesus uns erlöst habe, so hat Amerika Europa von den Nazis erlöst. Die USA sind gut, das Land Gottes und jeden Zweifel erhaben. Ich führe Gegenbeispiele an, spreche von Libyen. Das ist ihm egal. Schließlich habe Gaddafi mal europäische Flugzeuge abgeschossen. Das liegt zwar schon Jahrzehnte zurück, und die Frage, warum die USA erst so „verzögert“ reagiert haben, hat keine Gültigkeit. Schließlich habe Gaddafi es verdient. Der Gedanke, dass die Intervention womöglich andere Gründe gehabt könnte, egal. Alles passiert aus dem Willen das Richtige zu tun, die USA handeln nicht aus Eigeninteresse. Viele Amerikaner leben in der Vergangenheit und begründen Aktionen der Gegenwart noch immer mit ihr. Das Vertrauen scheint unendlich. Es geht weniger darum, was die USA machen und wo sie intervenieren, es geht darum, dass sie etwas machen. Weil man die Welt schon einmal befreit habe von dem größten Übel, besteht ein großes Vertrauen darin, auch weiterhin immer das Richtige zu tun, auf rechtschaffendem Pfade zu wandeln. Der Glaube an die Reinheit der USA ist ebenso gefestigt, wie der Glaube an einen Gott, der Amerika als sein Volk auserwählt hat.

Weiter kommen wir auf die Rodung des Regenwaldes zu sprechen. Er sagt mir voller Überzeugung: „Gibt es nicht! Hab mal in Google Earth nachgeguckt und dabei keine freien Flächen gefunden. Kann also nicht stimmen.“ Ich komme mit Wissenschaft, hätte ich gar nicht von anfangen brauchen. Schließlich, so sagte er, hätten Wissenschaftler mal behauptet, dass Dinosaurier ausschließlich in Gruppen gelebt hätten. Das wäre in der Wissenschaft mittlerweile widerrufen. Für ihn Beweis genug, den wissenschaftlichen Daten über die Rodung nicht glauben zu müssen.

Ich versuche nicht zu hart zu sein zu ihm, gelingt nicht wirklich. Meine Überzeugungen fühlen sich bis in die letzte Faser provoziert bei so viel Unverständnis und Ignoranz. Sein Glaube an ein Land, welches ihn ganz offensichtlich im Stich gelassen hat, lässt viele Widersprüche offen. Die gleichen Widersprüche, die ich bezüglich seiner Person in mir wahrnahm. Ich selbst fühle mich im Nachhinein ignorant, wäre ich anders geraten unter seinen unfassbar schwierigen Lebensunständen? Keine Ahnung, eher nicht. In seinem Leben hat er viele schlimme Dinge erlebt. Dinge, die ich hier aus Respekt aussparen will. Es stellt sich mir eine Frage. Wenn man keinen Staat hat, der einen unterstützt. Wenn man ohne richtige Eltern aufwächst und keine Möglichkeit auf professionelle Hilfe hat, was anderes bleibt dann noch als der Glaube? Dieser unerschütterlicher Glaube an Gott und Amerika hat ihn überhaupt erst lebensfähig gemacht. Deshalb fühle ich mich noch immer schlecht, ihn wegen seines Glaubens verurteilt zu haben.

Letztendlich ist es nämlich so, dass all seine Widersprüche nichts an einer Tatsache ändern: Jayden ist ein grundguter Mensch. Er half allen Menschen um ihn herum, verschenkte Essen und wollte immer Gutes tun, das war sein Antrieb. Am Ende habe ich erkannt, dass er mir eine Lektion erteilt hatte. Man sollte den Menschen hinter einer Meinung immer respektieren. Denn nicht immer ist eine abstruse Meinung das Ergebnis von Boshaftigkeit und der grundsätzlichen Einstellung. Nicht immer spiegelt eine Meinung das Herz und die Seele eines Menschen wider, oftmals ist sie nur das Resultat der Lebensumstände.

*Name geändert