Relotius und die Konsequenz

Der Fall Relotius wirft Fragen auf. Fragen, die einer Antwort bedürfen. Das Vertrauen in den professionellen Journalismus ist so gering wie lange nicht mehr. Wird dieser Skandal nicht ausreichend aufgearbeitet, führt das nicht dazu, dass sich der Trend wieder umkehrt.

Wie kann es sein, dass ein gefeierter Star am Himmel des Journalismus in einem noch nicht mal ganz erfassten Ausmaß viele Jahre fälschen, lügen und verändern kann, ohne dass es jemandem auffällt. In einer Schamlosigkeit, die nicht zu begreifen ist. So hat er ein Interview mit der letzten Überlebenden der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gefälscht. Eine gefäschte und von Relotius erfundene Aussage machte daraufhin die Runde durch die deutschen Medien. Eine andere Reportage über zwei Flüchtlingskinder nutzte Relotius, um sich an den Einkünften seiner Spendenaufrufes zu bereichern. Schäbig.

Relotius hatte Freiheiten, konnte sich Zeit nehmen für seine Artikel und Reportagen. Zu viel Zeit, um den Betrug auf zu hohen Druck zu schieben. Eine solche Darstellung würde aus dem Täter Relotius ein Opfer Relotius machen. Eine nicht vermittelbare Sicht der Dinge.

Ich glaube wohl, dass es vor allem mit einer Sache zu tun hatte: Das was er schrieb, war zu sehr dem Zeitgeist dienlich, moralisch den Grundsätzen zu verschrieben, als das überhaupt der Gedanke aufkommen konnte, es ginge nicht mit rechten Dingen zu. Schön und rührend waren seine Geschichten. Leider blieb verborgen, dass es sich um Märchen handelte.

Dieser Fall zeigt auf, dass etwas strukturell nicht stimmt im Journalismus. Sonst wäre ein Skandal diesen Ausmaßes nicht möglich gewesen. Wie ich vor einigen Monaten schon schrieb. Viele Journalisten haben meiner Ansicht nach ein falsches Bild von ihrem Beruf. Zu groß ist der Drang Debatten beeinflussen und steuern zu wollen. Zu gering die Verpflichtung die Öffentlichkeit durch die Unterfütterung von gut recherchierten Fakten bei der Debatte nur zu unterstützen, was meiner Meinung nach die vordringlichste Aufgabe des Journalismus wäre.

Relotius ist in dieser Hinsicht wohl der krasseste Auswuchs einer Welt, die die „guten Fakten“ feiert und die „schlechten Fakten“ zu oft unerwähnt lässt.

Sicherlich ist es so, dass bei den rechten Medien und bei Propagandasendern wie Russia Today gezielt und systematisch mit Fälschungen und Lügen gearbeitet wird. Davon ist unsere Medienlandschaft noch sehr weit entfernt. Aber das darf nicht der Maßstab sein. Und davon darf man sich auch nicht beeinflussen lassen. Die Vermutung drängt sich mir auf, dass man ein „Gegengewicht“ sein will zur rechten Hetze.

Doch das beste Gegengewicht zur manipulativen Lüge ist nicht die Beeinflussung in die andere Richtung. Sondern einzig und allein die pure und unveränderte Realität, die zumeist aus verschiedensten Perspektiven besteht.

Die Aufarbeitung und auch die Offenlegung der eigenen Verfehlungen ist deshalb von elementarer Bedeutung. Nichtsdestotrotz bin ich froh und glücklich in einem Land zu leben, in dem man Schreiben und sagen kann, was man will. Wir müssen alles dafür tun, dass das auch so bleibt.

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