Der Stein

Ich wohne am Meer. An einem bestimmten Platz, 20 Minuten entfernt von meinem Haus, liegt ein Stein. Er liegt direkt am Ufer. Und dieser Stein ist ein Wunder. Denn niemand außer mir vermag ihn zu sehen. Ich sitze oft stundenlang an der Küste und beobachte ihn. Ich kann nicht genau sagen wieso und warum, aber er fasziniert mich. Manchmal, wenn der Wind die Wellen größer werden lässt, dann bewegt sich der Stein. Nach vorne und nach hinten, bis die Wellen wieder kleiner werden. Ich liebe diese stürmischen Tage, wenn der Stein stoisch seinen Tanz tanzt. Sein Tanz ist allerdings weniger stoisch und beständig, als voller Lebensfreude und extatischer Ausbrüche einer ansonst starren Existenz. Unbeachtet und unbeobachtet bewegt er sich, doch der Enthusiasmus seines Tanzes wird dadurch nicht gemindert.

In diesen Momenten bin ich glücklich. Glücklich darüber, dass zumindest ich dieses Naturwunder zu sehen vermag. Ich habe schon oft versucht andere Menschen an meinem Glück teilhaben zu lassen. Aber niemand hat bisher gesehen, was ich sehe. Es ist beinahe so, als ob der Stein nur in meiner Phantasie existieren würde. Aber jedes Mal, wenn ich an diesen bestimmten Ort zurückkehre, ist alles unverändert. Ich setze mich und warte darauf, dass ich wieder Zeuge seines Tanzes werden darf. Ich bin wohl einfach gesegnet ihn zu sehen. Und die anderen sind blind. Ich zeige auf Ihn und sie fragen mich, welchen der vielen Steine ich meinen würde. Verdutzt, fragend und ein wenig belustigt sehen sie mich an. Ich sage, sie sollen auf den Lebenden sehen. Spätestens dann werde ich für verrückt erklärt. Ich frage, wie kann etwas das tanzt, nicht leben? Es existiert, es tanzt, es lebt.

Vielleicht halten sich die Menschen an seiner Größe auf. Ich sagte, er sei groß. Und das ist er auch, aber nur, wenn man ihn mit kleineren Steinen vergleicht. Wenn man ihn mit größeren Steinen vergleicht, so ist er klein. So ist es nun einmal. Nichts ist groß und nichts ist klein. Alles steht lediglich in Relationen zueinander. Er ist zwar nicht groß genug, um nicht mehr von den Wellen bewegt zu werden, aber gerade groß genug, dass das Meer Ihn nicht endgültig abtragen kann.

So, wie er seine Existenz fristet, ist der Stein etwas ganz besonderes. Niemand, wahrscheinlich nicht mal er selbst weiß, wie lange er schon existiert. Gewiss ist er älter, als ich es mir in meinen kühnsten Vorstellungen nicht denken kann. Und dennoch fristet er sein Dasein würdevoll. Nicht den kleinsten Anschein von Selbstmitleid. Dabei wäre Selbstmitleid nachvollziehbar, immerhin wird er bis ins Unendliche, wenn auch nicht immer in der gleichen Form, irgendwo verbleiben müssen. Und auf unbestimmte Zeit ist er dazu gezwungen, dauerhaft auf der gleichen Stelle zu verharren, immer in der Hoffnung bald wieder tanzen zu dürfen.

Doch derlei Gedanken drängen sich nur mir auf, sie interessieren den Stein nicht. Denn es sind allzu menschliche Gedanken und als solche haben sie nichts mit dem Leben zu tun. Der Stein denkt nicht an ein Ende und ebenfalls nicht an einen Anfang. Er lebt ganz einfach und zuweilen tanzt er um dem Ausdruck zu verleihen. Vielleicht ist es das, was mich so tief berührt während ich den Stein beobachte. Dennoch, diesen Gedanken zu fassen ist schwierig, unheimlich schwierig, ist man als Mensch doch an menschliche Gedanken gebunden.

Ein Kommentar

  1. Jack the tree · Januar 2

    Die Uhr – Zeit Im Innersten ist die Feder gespannt, die Unruhe hat sie entbrannt. Diese gespannte Lage kommt beim Sekundenzeiger zum tragen. Er rast im Kreis ohne Rast in unaufhörlicher Hast, fährt schnell an dem Ziel vorbei, als wäre es ihm einerlei. Und doch wirkt sein tun mit auf den Minutenschritt. Sein Wirken auf die Zeit das Erhaschen nach der Ewigkeit. Sechzig Minuten füllen eine Stunde. Und läuft die gleiche Runde. Leise, Langsam, stumm, legt sie sich vierundzwanzigmal am Tage krumm. So drehen alle ihre Kreise, manche laut und mache leise. Stund um Stund vergehen, wie kann man dies tun verstehen? Was ist, wenn mal das Innerste ruht, und sich nichts mehr tut? Dann wird es Zeit, die Feder wieder neu spannt, der Zeitpunkt selber liegt in deiner Hand!

    Mit freundlichen Grüßen Udo Paulus,

    am Falder 20 40589 Düsseldorf

    FON + 49 – 211 – 75 28 24 MOBIL + 49 – 171- 417 97 46

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