Seefahrer – vergessene Helden

Corona belastet uns alle sehr. Wir sind unserer Freiheit ein Stück weit beraubt, verlieren Jobs oder bangen aus anderen Gründen um die Existenz oder Zukunft. Doch im Sinne der Gefahr einer Ansteckung mit dem Virus und einer möglichen Übertragung auf unsere Liebsten können viele von uns einigermaßen beruhigt sein. Wer nicht in einem systemrelevanten Beruf als Pfleger, Arzt oder LKW Fahrer arbeiten muss, kann zumeist Zuhause bleiben und hat damit ein geringeres Ansteckungsrisiko.Völlig zurecht genießen diejenigen unsere Anerkennung, die ihre Arbeit für uns weiterhin tun. Die raus gehen, um für den Fortbestand der medizinischen Versorgung oder der Lebensmittel zu sorgen. Ohne sie, da sind sich alle einig, würde nichts mehr funktionieren. Und so ist es nicht nur verständlich, sondern eher noch notwendig darüber zu reden, wie man diese Menschen unterstützen kann. Nicht zuletzt die Erhöhung der lächerlich geringen Gehälter für das Pflegepersonal ist ein wichtiges Thema. Bei all den Diskussionen kommt aber eine Berufsgruppe, die zwar unsichtbar aber nicht minder wichtig ist, gar nicht vor: Seefahrer.

Seefahrt ist weltweit systemrelevant

Weit über 90% des weltweiten Güterverkehrs geschieht über den Seeweg. Containerisierte Waren, Getreide, große Maschinen oder Öl; es gibt fast nichts, was nicht mit Schiffen transportiert würde. Weil der Transport über die See auf Masse gerechnet deutlich günstiger und auch umweltfreundlicher ist als der Transport über die Schiene, die Straße oder gar mit dem Flugzeug, werden Waren so weit es möglich ist über die sieben Weltmeere transportiert. Gäbe es keine Schifffahrt mehr, dann wäre unsere Welt von einem Moment zum anderen entglobalisiert.

In Windeseile müssten wir uns überlegen, wie wir alles, was wir so brauchen, hier produzieren können. Es gäbe keinen Austausch mehr von Geldströmen. Devisen wären weg, die Einnahmen in die Staatskassen weltweit würden um ein dramatisches Maß sinken. Deutschland als Export-Nation würde auf seinen Waren sitzen bleiben, ein Sozialstaat wäre nicht mehr finanzierbar. Klar, das klingt sehr dramatisch und so wird es auch nicht eintreten. Allerdings wird deutlich, wie wichtig die Seefahrt und damit auch die Seefahrer sind. Und gerade jene leiden unter dem Virus noch mehr als wir.

Schlechte Arbeitsbedingungen an Bord

Aber von vorne. Die Besatzungen an Bord sind oft sehr international und bestehen häufig aus einem Mischmasch aus Nationen. Die größte Seefahrernation sind momentan die Philippinen. Es gibt nur wenige Schiffe auf der Welt, die nicht auch Filipinos als Teil der Besatzung hätten. Die Gründe sind relativ einfach erklärt. Es handelt sich um eines der ärmsten Länder der Welt; ergo sind die Gehälter gering. Auf Schiffen wird Ihnen mindestens das dreifache, meist ein Vielfaches der landesüblichen Gehälter bezahlt. Häufig an Bord anzutreffen sind auch Osteuropäer, Mitteleuropäer oder landesüblich auch mal Amerikaner, Südamerikaner oder Chinesen etc.

Die Arbeitsbedingungen sind hart. Sehr hart. Üblich sind Verträge, die 6 bis 12 Monate gehen. Man bleibt also bis zu einem Jahr ununterbrochen an Bord und arbeitet jeden einzelnen Tag. Selten weniger als 10 Stunden täglich, im Schnitt ungefähr 12 Stunden. Zu dieser Arbeitsbelastung kommt das oft belastende Arbeitsumfeld noch hinzu. Man verbringt den jeden Tag mit denselben 15 Menschen. Konflikten kann man nicht aus dem Weg gehen und ohne Freundschaften kommt man kaum zurecht. Die Familie sieht man entweder über Skype, wenn man, und das kommt mittlerweile selten vor, im Hafen ist und kurz Zeit hat für ein Gespräch. Hauptsächlich arbeitet man aber auf den Urlaub, meist zwischen einem oder drei Monaten, hin. Was bedeutet, dass man seine Familie im Jahr ungefähr 10 Monate nicht sieht, zwei Monate im Jahr kann man bei ihr sein. Und das auf ein ganzes Berufsleben. Verständlich ist in diesem Zusammenhang das vermehrte Auftreten psychischer Erkrankungen.

Corona belastet die Seefahrer bis auf ein unerträgliches Maß

Als wäre das alles nicht schwer genug, trifft das Corona Virus die Seefahrer besonders hart. Viele Seefahrer überstehen die Zeit nämlich vor allem damit, dass sie sich das Licht am Ende des Tunnels bewusst machen. Der Tag, an dem sie das Schiff verlassen können wird fett angestrichen, es werden die Tage und sogar die Stunden gezählt. Es kam mir in meiner aktiven Zeit als Seefahrer häufig so vor als sei der Moment des „Off-signings“ besser als der Geburtstag, Ostern und Weihnachten zusammen. Man übersteht die schwere Zeit mit der Perspektive des absehbaren Endes.

Doch genau da macht das Virus den Seefahrern einen Strich durch die Rechnung. Denn Crewwechsel, die internationale Flüge, den Transport zum Flughafen oder eben einfach nur das an Land gehen beinhalten, sind momentan so gut wie nicht möglich. Auf unbestimmte Zeit also muss die Besatzung auf den Heimflug warten. Arbeitet man bereits 10 Monate an Bord, freut sich darauf das vor 6 Monaten geborene Kind das erste Mal in den Armen zu halten, dann ist ein Aufschub der Heimkehr kaum zu ertragen. Man weiß nicht, wann es wieder möglich sein wird, bekommt keine Informationen und soll seine harte Arbeit weiterhin fortführen. Ich kann kaum beschreiben, wie belastend diese Situation sein muss. Die Gesundheit leidet, die Selbstmordrate steigt momentan rapide.

Eine Lobby für die Seefahrer

Man muss sich bewusst machen: Ohne deren Arbeit würde nichts mehr funktionieren. Dennoch haben sie keine Lobby, niemand interessiert sich für sie. In der öffentlichen Diskussion finden sie schlichtweg nicht statt und auch deshalb wird kaum nach Wegen gesucht wenigstens Ihnen eine Heimreise zu ermöglichen bzw. die Seefahrern, die Zuhause festsitzen und kein Geld verdienen können, als Ersatz an Bord zu schicken.

Nicht allein liegt es in unserem Interesse einen weltweiten Streik der Seefahrer zu vermeiden, es ist menschlich geboten ihnen eine Stimme zu geben. Die Nöte der Seefahrer sind real und sie sind groß. Wir müssen ihnen helfen Gehör zu finden. Stellt sie in eine Reihe mit den Pflegern, mit den Mitarbeitern im Supermarkt und allen anderen, die wir zurecht Helden nennen. Nichts anderes sind sie nämlich ebenfalls.

 

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